Christian Böß hat Duisburg als Urlaubsziel entdeckt


Seit mehr als zehn Jahren verbringt Christian Böß viele seiner Urlaube in Duisburg. Der Mann aus Bad Camberg hat die Ruhrgebietsstadt lieben gelernt – besonders das reiche Kulturangebot beeindruckt ihn immer wieder.



Dicke Regentropfen prasseln auf den grauen Asphalt. Dunkle Wolken hängen am Himmel. Duisburg zeigt sich an diesem Tag gewiss nicht von seiner schönsten Seite. Doch das Wetter kann die gute Laune von Christian Böß nicht trüben. Als der 49-Jährige aus der Bahnhofshalle tritt, hat er ein Lächeln im Gesicht. „Endlich bin ich wieder in Duisburg“, sagt er, „ich mag diese Stadt sehr.“


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Christian Böß lebt in Bad Camberg, dem idyllischen Kneippkurort auf halbem Wege zwischen Wiesbaden und Limburg. Seit seiner Jugend ist er ein großer Fan der „Schimanski“-Tatorte. Und eines Tages hatte er beschlossen, die Stadt, in der die Filme spielen, zu besuchen. Das war 2013. Seitdem fährt er jedes Jahr mindestens einmal die 200-Kilometer-Strecke ins Ruhrgebiet – um in Duisburg Urlaub zu machen.

„Früher hatte ich zu Duisburg überhaupt keinen Bezug“, sagt er beim Spaziergang zu seinem Hotel in der Innenstadt. „Als ich dann aber zum allerersten Mal hier ankam, hatte ich direkt Lust darauf, die Stadt kennenzulernen.“ Die Hafenkirmes in Ruhrort hat er schon erlebt und Rock-Konzerte im Dellviertel besucht. Er hat am Hafen beim „Hübi“ ein „Köpi“ getrunken und in Marxloh die Brautmodengeschäfte bewundert. „Duisburg ist so unfassbar abwechslungsreich. Jedes Mal, wenn ich hier bin, entdecke ich etwas Neues.“

Jubiläen in Duisburg 2024


60

JAHRE

LEHMBRUCK MUSEUM
25

JAHRE

MUSEUM KÜPPERSMÜHLE
30

JAHRE

LANDSCHAFTSPARK DUISBURG-NORD

Das Lehmbruck Museum

Diesmal hat sich Christian Böß vorgenommen, die Duisburger Museumslandschaft zu erkunden. Der Zeitpunkt dafür könnte nicht besser sein: Gleich drei Leuchttürme der vielfältigen Kulturlandschaft feiern im Jahr 2024 ein Jubiläum. Das Lehmbruck-Museum gibt es nun seit 60 Jahren, das Museum Küppersmühle (MKM) wurde vor 25 Jahren eröffnet und der Landschaftspark Duisburg-Nord ist seit 30 Jahren für Besucher zugängig. „Am Lehmbruck-Museum, zum Beispiel, bin ich schon zig Mal vorbeigelaufen, aber drin war ich noch nie. Das ändere ich heute“, sagt Christian Böß, steigt die Treppe zum Museumseingang hinauf und öffnet die Tür.

Im Foyer trifft er Kyra Schnurbusch. Die Kunsthistorikerin führt Christian Böß durch die Ausstellung. Große Fenster sorgen dafür, dass die Räume mit natürlichem Licht geflutet sind. Einen Kontrast bilden die vielen Betonflächen und die Wände aus Kieselsteinen. „Sie verleihen dem Museum eine ganz besondere Atmosphäre, die Baustoffe korrespondieren mit dem Material der Skulpturen“, erklärt Kyra Schnurbusch. „Der Architekt Manfred Lehmbruck, ein Sohn des Bildhauers, hat dem Lebenswerk seines Vaters eine ideale Umgebung geschaffen, in der jede einzelne Skulptur ihren ganz eigenen Ort hat.“

Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) ist einer der bedeutendsten Bildhauer der Moderne. Das Museum in seiner Heimatstadt Duisburg gibt den weltweit vollständigsten Überblick seines Lebens und Werks. Kyra Schnurbusch gewährt im Gespräch Einblicke in die Biografie des Künstlers, und Christian Böß hört aufmerksam zu. „Mir war gar nicht bewusst“, sagt er nachher, „dass Wilhelm Lehmbruck aus einer Arbeiterfamilie kam, und dass er dennoch die Gelegenheit ergriffen hat, Künstler zu werden. Seine Eltern hätten ja auch sagen können, mach mal lieber was, womit Du Geld verdienst.“

Weltberühmt ist beispielsweise Wilhelm Lehmbrucks Skulptur „Die Kniende“, die er im Jahr 1913 in New York präsentierte. Als Christian Böß nun das Werk betrachtet, stellt er Kyra Schnurbusch eine Frage: „Was wollte Lehmbruck wohl damit zum Ausdruck bringen?“. Die Kunsthistorikerin zögert einen Moment, dann antwortet sie: „Die meisten Menschen, die ,Die Kniende‘ betrachten, fühlen sich von ihrer fragilen Eleganz und ihrem nach Innen gerichteten Blick berührt. Sie spiegelt ein Lebensgefühl, das unserer Gedankenwelt eine besondere Bedeutung gibt.“

Nach seinem Besuch des Museums ist Christian Böß beeindruckt. „Es ist wirklich interessant, zu sehen, wie wunderbar die Präsentation der Exponate mit der Architektur des Gebäudes harmoniert. Wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin, komme ich wieder.“


Museum Küppersmühle

Die Sightseeing-Tour geht weiter. Christian Böß steuert das Museum Küppersmühle an. „An Duisburg gefällt mir auch die Nähe zum Wasser“, sagt er, während er den Innenhafen durchquert. Das 89 Hektar große Areal wurde einst wegen des massenhaften Getreideumschlags als „Brotkorb des Ruhrgebiets“ bezeichnet. Doch mit dem Niedergang der Getreidemühlen Ende der 1960er-Jahre begann das Ende des früheren Handelsplatzes. 20 Jahre lag das Gelände brach, dann setzte der Strukturwandel ein.

Ab Mitte der 1990er-Jahre wurde das Gelände nach Plänen des britischen Star-Architekten Sir Norman Foster umgewandelt. Es entstand ein beliebtes Ausflugsziel mit Cafés und Restaurants direkt am Wasser. „Diese Transformation ist echt beeindruckend“, sagt Christian Böß. „Man hätte damals ja auch alles abreißen können. Dass es nicht getan wurde, ist wirklich ein Glücksgriff.“


Auch das MKM ist ein beeindruckendes Industriedenkmal. Das Gebäude, das heute ein zentraler Ort deutscher und europäischer Nachkriegskunst ist, wurde ab dem 19. Jahrhundert als Mühle genutzt. Im Jahr 1999 eröffnete es als Museum. Zur ständigen Sammlung gehören Werke großer Künstler wie Gerhard Richter, Georg Baselitz, Jörg Immendorf, Markus Lüpertz und Sigmar Polke. „Ich mag moderne Kunst sehr“, sagt Christian Böß. „Dass sie so viel Raum für Interpretation bietet, macht sie so interessant.“

Während der Mann aus Bad Camberg durch die Ausstellung schlendert, bleibt er immer wieder stehen. Nähert sich den gezeigten Werken aus unterschiedlichen Perspektiven, liest die kleinen Hinweistafeln. Dann verharrt er vor einer großen, kreisrunden und sehr farbenfrohen Arbeit aus der „Spin Paintings“-Serie des britischen Künstlers Damien Hirst. „Ich kenne dieses Bild aus einem Buch. Es gefällt mir, weil es so eine große Energie ausstrahlt“, sagt Christian Böß, „und es ist etwas Besonderes, ein solches Bild live zu sehen und nicht bloß als Abbildung. Super, dass man solche Künstler hier in Duisburg zu sehen bekommt“.

2021 ist im MKM nach vierjähriger Bauzeit ein 2500 Quadratmeter großer Erweiterungsbau eröffnet worden. Im Zuge der Bauarbeiten wurden auch die historischen Getreidesilos in die Museumsarchitektur integriert – ein Hingucker! Als Christian Böß die Silo-Türme passiert, geht sein Blick nach oben. Er zieht sein Smartphone aus der Tasche, nimmt es in die linke Hand, kniet sich hin, sucht die perfekte Perspektive und drückt den Auslöser. „Wow“, sagt er. „Das ist echt beeindruckend.“




Als er nach dem Museumsbesuch noch einen Abstecher zum großen Wasserbecken des Innenhafens macht, wird er kurz nachdenklich. „Ich war nun schon so oft in Duisburg und ich fühle mich hier jedes Mal sehr wohl“, sagt er. „Die Stadt ist vielleicht nicht im klassischen Sinne schön. Aber diese Stadt fasziniert mich einfach ungemein.“

Dabei sind es besonders die Duisburger, die dafür sorgen, dass Christian Böß immer wiederkommt. „Ich mag die Offenheit der Menschen hier, ihre direkte und ehrliche Art“, sagt er. „Duisburg ist echt – dieses Motto beschreibt die Stadt sehr treffend. Und als man mich gefragt hatte, ob ich bereit wäre, mich für diese Kampagne porträtieren zu lassen, habe ich sofort zugesagt. So kann ich der Stadt, die mir so viele tolle Erfahrungen geschenkt hat, auch mal etwas zurückgeben.“ Dann frischt der Wind auf, die Wasseroberfläche im Innenhafen kräuselt sich, der Himmel färbt sich langsam rot und tief im Westen versinkt die Sonne hinterm Horizont.

Der Landschaftspark Duisburg-Nord

Am nächsten Morgen parkt der Mannschaftsbus des MSV Duisburg vor dem Hotel, in dem Christian Böß die Nacht verbracht hat. Es ist Heimspiel-Tag, die Zebras hoffen auf Punkte. „Ich drück den Jungs die Daumen“, sagt Christian Böß. Er selbst steuert heute aber nicht die Arena an, sondern den Landschaftspark Duisburg-Nord. Das Gelände des ehemaligen Hüttenwerks im Stadtteil Meiderich ist längst ein Touristenmagnet: 2023 kamen rund 1,2 Millionen Besucher. Christian Böß war auch schon einige Male dort, er spricht von „Duisburgs Flaggschiff für Kultur und Events.“

Bis ins Jahr 1985 wurde auf dem riesigen Gelände, das heute unter dem Namen „Landschaftspark Duisburg-Nord“ Touristen anzieht, Roheisen produziert. Nach dem Aus des Hüttenwerks wusste zunächst niemand, was mit den Industrie-Ruinen auf dem 180 Hektar großen Areal geschehen sollte. Fest stand nur: Das Ruhrgebiet befand sich zu jener Zeit zwischen Abriss und Aufbruch – und musste sich dringend neu erfinden.


So kam es, dass das Land Nordrhein-Westfalen die Fläche in Meiderich kaufte. Das Ziel war, die Industriebrache in einen großen Park zu verwandeln. Es folgte ein internationaler Wettbewerb für Landschaftsarchitekten, 1991 stand der Sieger fest. Die Ansprüche an das Projekt waren hoch: Der Landschaftspark sollte Naherholungsgebiet sein für die Duisburger Bevölkerung sowie Möglichkeiten für Sport und Freizeit bieten. Zudem war er gedacht als Zentrum kultureller Aktivitäten wie Theater- und Konzertaufführungen und natürlich auch als Zeugnis der Geschichte der Hüttentechnik. Die ersten Bereiche des Landschaftsparks wurden vor 30 Jahren, am 17. Juni 1994, der Öffentlichkeit übergeben.

Als Christian Böß am Landschaftspark ankommt, betrachtet er die urtümliche Kulisse. „Was mich total beeindruckt, ist diese Verknüpfung der alten Industrierelikte und dem Grün, das es hier mittlerweile gibt“, sagt er. „Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich die Natur ihren Platz zurückerobert. Gleichzeitig zeigt der Park vorzüglich, wie sich das Ruhrgebiet zum Naherholungsgebiet entwickelt hat und gleichzeitig stolz seine Geschichte präsentiert.“

Es folgt ein Abstecher in die Gebläsehalle. Wo einst heiße Luft für den Hochofen erzeugt wurde, ist heute die Kultur zuhause. Regelmäßig gastieren dort regionale Festivals wie die Ruhrtriennale oder das Klavier-Festival Ruhr. Alte Maschinen, Leitungen, Stahlträger und der Duft von jahrzehntealtem Schmieröl sorgen für authentischen Industriekultur-Charme in der ansonsten hochmodernen Veranstaltungshalle. Christian Böß‘ Interesse ist geweckt. „Das ist ein ganz besonderes Ambiente, da bekomme ich direkt Gänsehaut“, sagt er. „Hier würde ich gerne mal ein Konzert besuchen.“

Das „Stadtwerke-Sommerkino“, das jedes Jahr an der Gießhalle 1 im Landschaftspark pro Abend um die 1.000 Besucher lockt, kennt Christian Böß bereits. 2017 hat er hier „Star Wars“ gesehen. „Das war damals ein spektakulär guter Abend“, sagt er: „Ich würde auch gerne mal nach Duisburg kommen, wenn hier das Traumzeit-Festival über die Bühne geht. Davon habe ich schon viel gehört.“

Ein Muss im Landschaftspark Duisburg-Nord ist auch der Besuch des Hochofen 5. Über 252 Stufen einer eisernen Treppe steigt Christian Böß – trotz seiner Höhenangst – hinauf zur Besucherplattform in 70 Metern Höhe. Oben angekommen geht sein Blick über das Park-Gelände, weite Teile Duisburgs und des Ruhrgebiets bis an den Niederrhein.



„Wenn ich in meinem Freundeskreis von meiner Leidenschaft für Duisburg erzähle, werde ich immer wieder mal komisch angesehen“, sagt Christian Böß. Viele seiner Bekannten dachten beim Revier nämlich noch immer an Kohle, Stahl, Dreck und schlechte Luft.„Ich sage ihnen dann immer: Fahrt doch einfach mal hin, guckt es Euch an, Ihr werdet überrascht sein. Für mich jedenfalls steht jetzt schon fest: Ich komme wieder!