Studierende der Universität Duisburg-Essen haben einen Elektro-Rennwagen entwickelt. Sie starten in der Formula Student, die als Nachwuchsschmiede für den Motorsport gilt. Noch verhüllt ein schwarzes Tuch den Star des Abends. Audrey Stoskus und Omar Almaeeny greifen nach einer Ecke des Stoffes. Gemeinsam ziehen sie ihn zurück – und geben den Blick frei auf den A40-06 Beta. Sofort gehen im Vorraum des Audimax der Universität Duisburg-Essen die Smartphones nach oben. Die Studierenden fotografieren den Formula-Student-Rennwagen, an dem sie so lange gearbeitet haben. Vor dem Moment der Enthüllung lagen zwei Jahre Entwicklungszeit und mehr als 50.000 Arbeitsstunden. „Wir sind erleichtert, dass wir das Auto nun zeigen können“, sagt Teamkapitänin Audrey Stoskus. Für die 21-Jährige und die rund 70 Mitglieder des E-Teams ist der Roll-out aber nicht das Ende ihrer Arbeit. Es ist der Start in die nächste Phase: Tests, Verbesserungen und die Vorbereitung auf einen Wettbewerb der internationalen Formula Student in Kroatien.
Austausch mit Teams aus Finnland und Indien
Im August 2026 fuhren die Studierenden aus dem Ruhrgebiet nach Velika Gorica. Dort trafen sie Teilnehmer aus Spanien, Frankreich, den Niederlanden, Finnland, Polen, Italien, Slowenien, Rumänien und Ungarn. „Es war sogar ein Team aus Indien vor Ort“, berichtet Stoskus.
Mit dem A40-06 Beta schafften sie die technische Abnahme. „Das alleine war für uns schon ein großer Erfolg“, sagt Stoskus. Ihre Kollegen Michael Hoppe und Luca Poll durften beim internationalen Ingenieurs- und Rennsportwettbewerb sogar auf die Rennstrecke.
Zwischen Präsentation und Rennen lag aber noch viel Arbeit für das Team. Das zeigte sich im Sommer bei einem Besuch in der Werkstatt im Stadtteil Ruhrort: Der 274 Kilogramm schwere A40-06 Beta steht in einer großen Halle. Stoskus greift zum Schraubenschlüssel und zieht ein Bauteil fest. Die Maschinenbau-Studentin ist seit zwei Jahren dabei. „Ich habe in der Aerodynamik-Abteilung begonnen, weil ich das Thema super spannend finde“, sagt Stoskus, die lange als Vereinsvorsitzende die Verantwortung für das Projekt trug.
Mehr als ein Geschwindigkeitswettbewerb
Die Formula Student ist dabei weit mehr als ein Geschwindigkeitswettbewerb. Es gibt das Endurance-Rennen über 22 Kilometer mit Fahrerwechsel. „Aber auch Konstruktion, technische Umsetzung, Design und ein wirtschaftliches Konzept fließen in die Bewertung ein“, sagt Sponsoringleiter Omar Almaeeny. Der 23-Jährige kümmert sich vor allem darum, dass das Projekt finanziell abgesichert ist. Auf dem Rennwagen und den Anzügen der Teammitglieder sind die Logos der Unterstützer zu sehen. Auch der Schriftzug DUISBURG IST ECHT prangt auf dem Heckflügel. Das E-Team der Universität Duisburg-Essen gibt es seit 2010. Seitdem entwickeln Studierende verschiedener Fachrichtungen gemeinsam Rennwagen. Maschinenbauer, Elektrotechniker, Wirtschaftswissenschaftler und Kommunikationsstudierende arbeiten zusammen. „Jeder sollte rund zehn Stunden pro Woche in das Projekt investieren“, erklärt Almaeeny. Neben dem Studium bedeutet das viele Abende in der Werkstatt und zahlreiche Besprechungen. Der technische Leiter Matthaeus Goj sieht genau darin eine der größten Stärken. „Formula Student ist eine super Gelegenheit, wirklich Praktisches umzusetzen“, sagt er.
Gewicht sparen durch die kleinen 10-Zoll-Reifen
Beim aktuellen Projekt lag der Schwerpunkt darauf, die Erfahrungen aus der vorherigen Entwicklung zu nutzen und bestehende Konzepte weiter zu verbessern. Eine wichtige Veränderung betrifft die Räder. Statt 13-Zoll-Reifen setzt das Team nun auf kleinere 10-Zoll-Modelle. Das spart Gewicht und verbessert das Fahrverhalten. Der Rennwagen wird von zwei Elektromotoren angetrieben, die jeweils 86 Kilowatt leisten. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 120 Stundenkilometern. Doch für das Team zählt nicht nur die Power des Fahrzeugs. Entscheidend ist, dass viele einzelne Systeme zusammenarbeiten. Das zeigt sich besonders bei der Elektrik. Maximilian Stahl ist für diesen Bereich verantwortlich. Er erklärt, dass die Studierenden nicht nur einzelne Bauteile entwickeln, sondern das gesamte System verstehen müssen. „Wir schauen, was wir in den Vorlesungen lernen, und versuchen, das praktisch auf die Straße zu bringen“, sagt er. Genau diese Verbindung zwischen Theorie und Praxis macht für ihn den Reiz aus. Elektrik werde von Außenstehenden manchmal als „schwarze Magie“ bezeichnet. Dabei stecke dahinter keine Zauberei, sondern Wissenschaft.
Talentschmiede für Automobilindustrie und Motorsport
Die Formula Student gilt als Talentschmiede für die Automobilindustrie und den Motorsport. Bei den Wettbewerben treffen die Studierenden auf Vertreter großer Hersteller, die nach Nachwuchskräften suchen. „Mein Ziel ist es auch, im Motorsport zu landen“, erklärt Audrey Stoskus. Ein ehemaliges Mitglied des E-Teams hat bereits gezeigt, welche Wege möglich sind: Ein Absolvent der Universität Duisburg-Essen arbeitet inzwischen bei einem großen Rennstall – und entwickelt Fahrzeuge für die Formel 1. Für die aktuellen Teammitglieder ist der A40-06 Beta damit nicht nur ein Rennwagen für die nächste Saison. Er ist auch ein wichtiger Schritt auf dem Weg in ihre berufliche Zukunft.
